Am Nachbartisch in einer Kneipe in Lviv, ganz im Westen der Ukraine, sitzen fünf Soldaten. Die Männer sind gerade von einem Training auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr, Deutschland, zurückgekehrt. Morgen müssen sie einrücken und zurück an die Front. Die fünf Männer trinken Bier und Schnaps. Drei von ihnen sind sehr aufgekratzt und laut. Die anderen beiden sitzen still dazwischen. Als wir uns mit einer großen Gruppe an einen Tisch setzen, prosten uns die lauten Soldaten zu, rufen „Slava Ukrainii“ und verschenken Abzeichen ihrer Einheit. Es entspinnt sich ein Gespräch. Dabei wird klar, dass der Krankenwagen, den wir vergangenes Jahr nach Lviv gebracht haben, für diese Brigade fährt. Großes Hallo, hoch die Tassen, „Slava Ukrainii“, Schulterklopfen und, auf, auf, los jetzt, Aufstellung zum Gruppenbild. Ein Foto, gemeinsam mit den Soldaten. Einer mit Glatze und Vollbart geht vor uns auf die Knie, spannt seine Armmuskeln und präsentiert seinen Bizeps in Siegerpose. Der Soldat neben mir, einer der Stillen in der Gruppe, fragt, woher wir kommen. „München“, sage ich, „Munich.“ Er öffnet er den Reißverschluss seines Pullis. Darunter trägt er ein FC-Bayern-Trikot. „I love FC Bayern“, sagt er. „Ich auch“, sage ich, was wenigstens leicht übertrieben ist. „I love FC Bayern“, sagt er wieder und deutet auf das Vereinswappen auf seiner Brust. Und dann sagt er noch Mal mit traurigem Blick, dass er den FC Bayern liebe und noch mal und dann noch einmal. Mehr Worte haben wir nicht. Wir umarmen uns kurz, so eine angedeutete etwas unsichere Kumpelumarmung. Bleib am Leben, Junge, bitte bleib am Leben, denke ich.
Bitte bleibt am Leben
von Sebastian Herrmann | März 6, 2024
